„Psychologie im Gespräch“: Diskussion über Wege aus der Einsamkeit
Laut WHO leidet weltweit jede sechste Person unter chronischer Einsamkeit, in Österreich sind es rund 600.000 Menschen. Wie Psychologie, Politik und Zivilgesellschaft gemeinsam gegensteuern können, diskutierten renommierte Expert:innen am 10. September 2026 bei der BÖP-Veranstaltung „Allein unter Menschen: Warum Einsamkeit zunimmt und Psychologie hilft“ als Teil der Reihe „Psychologie im Gespräch“. Rund 600 Interessierte verfolgten das Gespräch im Seminarzentrum der ÖAP in Wien oder online.
Einsamkeit als Querschnittsthema der Psychologie
Mag.a Christina M. Beran, BÖP-Vizepräsidentin, eröffnete den Abend mit einer klaren Verortung: „Einsamkeit ist für die Psychologie ein Querschnittsthema.“ Gleichzeitig betonte sie, dass Einsamkeit differenziert betrachtet werden müsse und dass Lösungen einen breiten Ansatz verfolgen müssen: „Einsamkeit wird zwar einzeln erlebt, aber für die Bewältigung braucht es mehr als das Individuum.“ Der BÖP hat deshalb bereits 2025 ein 10-Punkte-Maßnahmenpaket erarbeitet, um das gesamtgesellschaftliche Problem Einsamkeit erfolgreich in Medien und Politik zu platzieren. Nun gehe es um die Umsetzung, so Beran.

BÖP/Martin Hörmandinger
BÖP-Vizepräsidentin Mag.a Christina M. Beran eröffnete die Gesprächsrunde
Was chronische Einsamkeit so gefährlich macht
Den Impulsvortrag hielt ao. Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos, Initiatorin der Plattform Einsamkeit. Gefährlich sei es nicht, gelegentlich allein zu sein, sondern die chronische Einsamkeit über Monate oder Jahre hinweg. Besonders betroffen seien junge Menschen – ein Trend, der sich seit Corona verschärft hat – sowie Alleinlebende, chronisch Kranke und Menschen in Armut. Die Folgen reichen tief: Chronische Einsamkeit erhöht das Risiko für psychische Erkrankungen, beeinflusst etwa Hormonsystem und die Herz-Kreislauf-Gesundheit negativ und untergräbt das Vertrauen in gesellschaftliche Institutionen. „Der Kampf gegen Einsamkeit ist für mich ein Beitrag, um die Welt ein Stück weit sozialer und gerechter zu machen“, so Gutiérrez-Lobos. Das Gesundheitssystem sei insgesamt noch schwach ausgestattet, um mit dem Problem umzugehen. Österreich gehört mit der Plattform Einsamkeit aber zu den wenigen WHO-Ländern mit einem nationalen Plan und ist damit international Vorreiter.
Prävention und Lösungsansätze
Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler berichtete aus der Praxis: „Es gibt nicht die eine Einsamkeit und es gibt nicht die eine Maßnahme.“ Die Caritas erlebe das Thema in Schulen, in der Pflege, überall. „Einsamkeit muss besprechbar und ansprechbar werden, und wir müssen es früh erkennen.“ Psycholog:innen komme dabei eine zentrale Rolle zu, beim frühen Erkennen, aber auch beim Gestalten von Angeboten, die wirklich ankommen.

BÖP/Martin Hörmandinger
Von links nach rechts: ao. Univ.-Prof.in Dr.in Karin Gutiérrez-Lobos (Plattform Einsamkeit), Nora Tödtling-Musenbichler (Caritas), PDoz. Dr. Günter Klug (pro mente Austria), Mag.a Christina M. Beran (BÖP), Elisabeth Anselm (Hilfswerk Österreich), Mag. Martin Schenk (Diakonie)
PDoz. Dr. Günter Klug, Präsident von pro mente Austria, betonte, dass psychische Erkrankungen und Armut Einsamkeit verstärken. „Chronische Einsamkeit verändert das Denken der Menschen. Vieles in der Kommunikation nehmen sie viel negativer wahr. Sie müssen lernen, wieder umzudenken und soziale Fähigkeiten neu trainieren.“ Noch besser wäre es, so früh anzusetzen, dass Einsamkeit gar nicht erst chronisch werde.
Den Begriff der Entfremdung führte Mag. Martin Schenk, stellvertretender Direktor der Diakonie und Sozialpsychologe, ein: Einsamkeit führe dazu, dass einem die Welt und man sich selbst fremd werde. Das erkläre, warum Einsamkeit so tiefe Auswirkungen auf Demokratie und Gesellschaft hat. Einsamkeit sei dabei immer auch eine Frage von Handlungsspielräumen.
Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerk Österreich, schilderte die besondere Herausforderung älterer Menschen, die mit Verlusten und eingeschränkter Mobilität kämpfen. „Die wirklich schwierigen Fälle sind die, die zuhause sitzen und sich nicht mehr trauen, die Hürde zu nehmen.“ Diese zu erreichen, sei die eigentliche Herausforderung. Psychologisches Wissen sei dabei unverzichtbar, um Angebote so zu gestalten, dass sie die Menschen tatsächlich erreichen und wirksam werden.
BÖP setzt Arbeit fort
Der Abend zeigte: Einsamkeit lässt sich nicht mit einer Maßnahme lösen. Sie braucht individuelle, niederschwellige Angebote, politischen Willen und Psychologie als Querschnittswissenschaft – von der Früherkennung bis zur Gestaltung wirksamer Interventionen. Der BÖP setzt sich mit Roundtables, Pressekonferenzen und Stellungnahmen seit Jahren auf vielen Ebenen gegen Einsamkeit ein. Die Arbeit geht weiter.
Die gesamte Veranstaltung können Sie hier auf YouTube nachsehen.
Wir danken allen Podiumsteilnehmenden und Interessierten für den bereichernden Abend.











