Österreichische Akademie für Psychologen | ÖAP

Von der Fragmentierung zum transtheoretischen Rahmenmodell: Evidenzgestützte klinische Entscheidungsfindung in der Psychotherapie

 24.09.2026 von 18:30 bis 20:00 Uhr | Zoom

Details

Die Geschichte der Psychotherapie ist durch eine große Anzahl klinischer Theorien, Ansätze und Methoden geprägt, die zu einer fragmentierten Landschaft konkurrierender Therapieschulen geführt hat. Zwar haben die traditionellen Orientierungen zur Etablierung des Fachs und zu Fortschritten in der Patientenversorgung beigetragen, doch bietet keine von ihnen ein vollständig definiertes und empirisch geprüftes kausales Netzwerk zwischen Störungskonzepten, Veränderungsmechanismen und Behandlungsergebnissen. Behandlungsentscheidungen orientieren sich daher häufig stärker an historischen Traditionen und nationalen Regelungen als an empirischer Evidenz.
Vor diesem Hintergrund plädiert der Vortrag für einen offenen, evidenz- und praxisbasierten transtheoretischen und transdiagnostischen Rahmen, der klinisches Wissen um empirisch untersuchte psychologische Prozesse, Veränderungsmechanismen und Interventionsstrategien organisiert, statt eine einzelne theoretische Orientierung zu priorisieren. Aufbauend auf zentralen empirischen Ankern der Psychotherapieforschung - u. a. vergleichender Ergebnisforschung, Routine-Outcome-Monitoring und Feedbackforschung, Therapeuteneffekten sowie Forschung zu Veränderungsprozessen, Prädiktoren und Moderatoren - wird ein datengestütztes klinisches Entscheidungssystem vorgestellt, das von Einzelitem-Anwendungen bis zu einem dynamischen transtheoretischen Netzwerkmodell reicht und personalisiertes Feedback zu Beginn und im Verlauf der Therapie unterstützt.
Der Schwerpunkt liegt auf dem am weitesten entwickelten Element: einem KI-basierten dynamischen Netzwerkmodell, das die Kernelemente psychischer Belastung und Ressourcen als interagierende Facetten menschlichen Erlebens abbildet. Durch den Einsatz großer Sprachmodelle (LLMs) lassen sich mehrere Belastungsdimensionen - etwa kognitiv-behaviorale, emotionale, motivationale und interpersonelle Stressoren - quantifizieren und für die individualisierte Fallkonzeption, Interventionsauswahl und adaptive Behandlungsanpassung nutzen. Anhand von Fallbeispielen wird gezeigt, wie personalisierte klinische Implikationen aus individuellen Belastungsparametern abgeleitet und Therapeutinnen und Therapeuten grafisch zur Unterstützung der Entscheidungsfindung präsentiert werden können. Abschließend werden Möglichkeiten und Grenzen daten-gestützter klinischer Entscheidungsfindung sowie deren Bedeutung für eine kompetenzbasierte Praxis sowie Aus- und Weiterbildung diskutiert.

Referent:
Wolfgang Lutz, Dr. phil., Prof., promovierte in Psychologie an der Universität Heidelberg, absolvierte ein Postdoktorat an der Northwestern University (USA) und eine Forschungsprofessur an der Universität Bern (Schweiz). Er ist aktuell Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Trier und hat mehr als 400 Publikationen verfasst (begutachtete Fachartikel, Buchkapitel und Bücher), Er ist einer der Pioniere der Präzisions-Psychotherapieforschung ("Precision Mental Health") und der patientenorientierten Psychotherapieforschung und hat sich damit befasst, wie empirisch gestürzte Entscheidungen auf unterschiedliche Patienten zugeschnitten werden können. Er war Herausgeber von Psychotherapy Research, ist Mitherausgeber des Journal of Consulting and Clinical Psychology sowie von Psychotherapy and Psychosomatics und Mitglied im Editorial Board mehrerer führender Fachzeitschriften. Er war Präsident der Society for Psychotherapy Research (SPR) und wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, darunter der Early Career Contribution Award und der Senior Distinguished Research Award der SPR sowie Auszeichnungen für herausragende Forschung der Association for Psychological Science (APS). Gemeinsam mit Michael Barkham und Louis G. Castonguay ist er einer der Herausgeber der 7. Auflage von Bergin & Garfield's Handbook of Psychotherapy and Behavior Change.

Um Anmeldung wird bis spätestens 23.09.2026 gebeten.

Laut Begutachtung durch den BÖP wird die Veranstaltung im Ausmaß von 2 Einheiten als Fortbildung laut Psychologengesetz 2013, BGBl. I 182/2013 anerkannt.

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Referent/in

Prof. Dr. Wolfgang Lutz, Trier/D

Veranstaltet von

  • Fachsektion Psychotherapie

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  • Fachsektion Klinische Psychologie
  • Fachsektion Psychotherapie

Veranstaltungsort

Online via Zoom