Österreichische Akademie für Psychologen | ÖAP

Das Betreute Konto aus verhaltensökonomischer Perspektive

Beschreibung: Das FSW Betreute Konto der Schuldenberatung Wien in Kooperation mit Die Zweite Sparkasse unterstützt Menschen in oder nach Wohnungslosigkeit dabei, existenzsichernde Zahlungen wie die Miete verlässlich abzuwickeln und stärkt dadurch finanzielle Gesundheit, Wohnungssicherheit und Wohlbefinden. Unsere verhaltensökonomisch fundierte Studie zeigt, dass die Nutzung des Betreuten Kontos finanzielle Sorgen und Stress reduziert sowie das Gefühl finanzieller Sicherheit stärkt. Zugleich identifiziert sie konkrete, niedrigschwellige Maßnahmen, um Zugangsbarrieren abzubauen, die Akzeptanz des Angebots zu erhöhen und durch verständliche Kommunikation sowie optimierte Abläufe seine gesundheitsfördernde Wirkung weiter zu stärken.

Problemstellung/ Ausgangslage: Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind oder waren, stehen häufig vor der Herausforderung, existenzsichernde Zahlungen wie Miete oder Betriebskosten regelmäßig und zuverlässig zu leisten. Psychische Erkrankungen, Suchterkrankungen, finanzielle Belastungen oder andere schwierige Lebensumstände können diese Herausforderung zusätzlich verstärken. Bereits einzelne Zahlungsausfälle können schwerwiegende Folgen bis hin zum Verlust der Wohnung nach sich ziehen. Das Betreute Konto wurde 2010 von der Schuldenberatung Wien als niedrigschwelliges, freiwilliges Selbstbindungsinstrument entwickelt, um Wohnungserhalt und finanzielle Stabilität zu unterstützen. Trotz der insgesamt positiven Erfahrungen nehmen viele potenzielle Nutzer:innen das Angebot nicht in Anspruch oder erfahren gar nicht davon. Zudem bestehen bei Nutzer:innen und betreuenden Fachkräften teilweise Vorbehalte sowie praktische Herausforderungen in der Nutzung und Vermittlung des Angebots. Gleichzeitig fehlten bislang wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu den Wirkungen des Betreuten Kontos auf finanzielle Gesundheit, Stress, Wohlbefinden und Selbstbestimmung. Hier setzt die Studie an: Sie untersucht systematisch die Barrieren für die Nutzung des Betreuten Kontos sowie dessen psychologische, gesundheitsbezogene und finanzielle Wirkungen. Darüber hinaus identifiziert sie auf Basis qualitativer Erhebungen und eines partizipativen Entwicklungsprozesses konkrete, praxisnahe Maßnahmen zur Weiterentwicklung des Angebots.

Wissenschaftlicher Hintergrund: Die Studie ist in der Verhaltensökonomie verankert und versteht das Betreute Konto als Commitment Device, also als Instrument der Selbstbindung, das sicherstellt, dass existenzsichernde Zahlungen automatisch erfolgen, bevor Geld für andere Zwecke verwendet werden kann. Dieser Ansatz knüpft an ein umfangreiches verhaltensökonomisches Forschungsfeld an, das zeigt, wie Selbstkontrolle, kognitive Belastung und Entscheidungsarchitektur finanzielle Entscheidungen beeinflussen. Für die Maßnahmenentwicklung wurden etablierte verhaltensökonomische Prinzipien wie Defaults, Niederschwelligkeit, Vereinfachung und die intuitive Aufbereitung komplexer Sachverhalte herangezogen, deren Wirksamkeit in der Literatur breit dokumentiert ist. Gleichzeitig greift die Studie zentrale gesundheitspsychologische Fragestellungen auf, indem sie untersucht, wie finanzielle Stabilität mit Stress, Wohlbefinden, wahrgenommener Autonomie und Kompetenz zusammenhängt. Damit wird finanzielle Gesundheit als wichtiger Einflussfaktor psychischer Gesundheit und gesundheitsbezogener Lebensqualität betrachtet. Die Studie leistet somit einen Beitrag zur wissenschaftlich fundierten Verknüpfung verhaltensökonomischer und gesundheitspsychologischer Ansätze bei der Unterstützung besonders vulnerabler Bevölkerungsgruppen.

Zielgruppe und Ziele der Maßnahme: Zielgruppe des Betreuten Kontos sind Menschen in einer angespannten finanziellen Lage, die aktuell oder in der Vergangenheit Schwierigkeiten mit Mietzahlungen hatten und von Delogierung beziehungsweise Wohnungslosigkeit bedroht sind. Voraussetzungen für die Nutzung sind unter anderem eine akute oder latente Delogierungsgefahr, ein bestehendes sozialarbeiterisches Betreuungsverhältnis sowie die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Team Betreutes Konto. Besonders profitieren Personen mit eingeschränkten Kapazitäten zur eigenständigen Finanzverwaltung, etwa aufgrund von Suchterkrankungen, psychischen Erkrankungen oder fehlenden sozialen Unterstützungsstrukturen. Derzeit werden rund 1.358 Betreute Konten geführt, seit Einführung des Angebots im Jahr 2010 waren es insgesamt knapp 3.700. Die Studie verfolgte das Ziel, die Akzeptanz und Nachfrage des Betreuten Kontos zu erhöhen, indem Zugangsbarrieren, Vorbehalte und Informationsdefizite besser verstanden und adressiert werden. Darüber hinaus sollten die praktischen Abläufe rund um Kontoeröffnung, Zahlungsabwicklung und Kommunikation weiter verbessert werden. Ein weiteres Ziel bestand darin, die Auswirkungen des Betreuten Kontos auf finanzielle Sorgen, Stresserleben, Wohlbefinden, Autonomie und wahrgenommene Kompetenz empirisch zu untersuchen. Langfristig soll mehr Menschen der Zugang zu diesem gesundheitsfördernden Unterstützungsinstrument ermöglicht und damit finanzielle Stabilität, Wohnungserhalt und psychische Gesundheit gestärkt werden.

Inhalt/Methode: Die Studie kombinierte qualitative und quantitative Methoden in einem mehrstufigen, partizipativen Forschungsdesign. Zunächst wurden 32 leitfadengestützte Interviews mit Nutzer:innen, Informationsbevollmächtigten (überwiegend Sozialarbeiter:innen), dem Team Betreutes Konto und der Zweite Sparkasse geführt sowie zwölf teilnehmende Beobachtungen von Kontoeröffnungsgesprächen und dem laufenden Kontodienst durchgeführt. Ergänzend wurden Sozialarbeiter:innen mittels einer offenen Online-Befragung zu den Gründen von Ablehnungen des Betreuten Kontos und praktischen Herausforderungen in der Umsetzung befragt. Auf Basis dieser qualitativen Erhebungen wurden zentrale Herausforderungen in den Bereichen Entscheidungsfindung, Kontoeröffnung, laufende Nutzung und Kommunikation identifiziert. Darauf aufbauend wurden verhaltensökonomisch fundierte Maßnahmen entwickelt und in einem partizipativen Workshop gemeinsam mit Expert:innen aller beteiligten Institutionen diskutiert und weiterentwickelt. Zusätzlich wurden die SMS-Kommunikation mit Nutzer:innen sowie die Benutzeroberfläche der Verwaltungssoftware analysiert. Abschließend wurden die Wirkungen des Betreuten Kontos sowie zentrale Annahmen der qualitativen Phase in einer quantitativen Online-Befragung von 374 Nutzer:innen zwischen Juni und August 2025 untersucht. Dabei wurden unter anderem finanzielle Sorgen, Stresserleben, subjektive Schuldenbelastung, Wohlbefinden, Autonomie, Kompetenz, soziale Unterstützung und die Weiterempfehlungsbereitschaft erhoben.

Webseite: https://www.ihs.ac.at

Beginn/ Laufzeit/ Abschluss des Projekts: Das Betreute Konto wird in Wien seit 2010 angeboten. Die wissenschaftliche Studie wurde zwischen September 2024 und November 2025 durchgeführt. Die auf Basis der Studienergebnisse entwickelten Maßnahmen werden seit Abschluss der Studie schrittweise umgesetzt und weiterentwickelt.

Bisherige Erfolge/ Meilensteine: Die quantitative Befragung von 374 Nutzer:innen zeigt durchwegs positive Wirkungen des Betreuten Kontos: Mit zunehmender Nutzungsdauer steigt das finanzielle Wohlbefinden, während finanzielle Sorgen, subjektive Schuldenbelastung und Stresserleben abnehmen. Gleichzeitig werden die wahrgenommene Autonomie, die Kompetenz im Umgang mit Geld sowie die Zusammenarbeit mit dem Team Betreutes Konto und den betreuenden Sozialarbeiter:innen sehr positiv bewertet. Besonders hervorzuheben ist, dass die wahrgenommene finanzielle Kompetenz mit der Nutzungsdauer weiter zunimmt. Rund 96 % der Befragten würden das Betreute Konto weiterempfehlen, und viele können sich vorstellen, künftig als Botschafter:innen für das Angebot zu wirken. Bereits während der Projektlaufzeit konnte ein erster konkreter Verbesserungsvorschlag umgesetzt werden: Seit Juni 2025 erfolgt die Kontoeröffnung in einem einzigen, niederschwelligen Termin anstelle des zuvor zweistufigen Verfahrens. Darüber hinaus wurden gemeinsam mit allen beteiligten Institutionen konkrete Maßnahmen zur Verbesserung von Kommunikation, Zugänglichkeit und praktischen Abläufen entwickelt. Die qualitativen Interviews zeigen zudem, dass anfängliche Bedenken, etwa hinsichtlich Kontrollverlust oder Stigmatisierung, nach den ersten Nutzungserfahrungen meist deutlich zurückgehen. Insgesamt bestätigen die Ergebnisse die Wirksamkeit des Betreuten Kontos als gesundheitsförderndes Unterstützungsinstrument, das finanzielle Stabilität, Wohnungserhalt und psychisches Wohlbefinden bei besonders vulnerablen Menschen stärkt.

Einreichende Organisation/ Person: Kira Abstiens in Kooperation mit Schuldenberatung Wien (FSW), Zweite Sparkasse, Obdach Wien

Weiterführende/ergänzende Links zur Maßnahme: https://irihs.ihs.ac.at/id/eprint/7350/6/ihs-repor...