Österreichische Akademie für Psychologen | ÖAP

Differentialdiagnostik als Beitrag zu psychischer Gesundheitskompetenz und zielgerichteter Versorgung

Problemstellung/ Ausgangslage: Psychische Beschwerden äußern sich häufig unspezifisch und können unterschiedliche Ursachen haben. Konzentrationsprobleme, Erschöpfung, Reizüberflutung, Ängste, depressive Symptome oder Schwierigkeiten in der Alltagsbewältigung können beispielsweise im Zusammenhang mit ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen, affektiven oder Angststörungen, Belastungsreaktionen, Persönlichkeitsfaktoren oder kognitiven Veränderungen stehen. Gleichzeitig kommen viele Betroffene bereits mit einer konkreten Verdachtsdiagnose oder einer durch Medien und Selbsttests geprägten Vorstellung ihrer Beschwerden zur Abklärung. Eine vorschnelle Einordnung kann dazu führen, dass relevante Belastungsfaktoren, Ressourcen oder alternative Erklärungsmodelle unberücksichtigt bleiben. Für eine nachhaltige Förderung psychischer Gesundheit ist daher eine differenzierte Betrachtung der individuellen Lebenssituation, der vorhandenen Ressourcen und der psychischen Belastungen erforderlich. Besonders wichtig ist es, Untersuchungsergebnisse für Betroffene verständlich aufzubereiten und daraus konkrete Handlungsmöglichkeiten abzuleiten. Gesundheitspsychologische Diagnostik und Beratung können dazu beitragen, Gesundheitskompetenz zu stärken, geeignete Präventions- und Behandlungsmaßnahmen frühzeitig einzuleiten und Fehl- oder Überversorgung zu vermeiden. Die vorliegende Maßnahme setzt an dieser Schnittstelle zwischen differenzierter psychologischer Abklärung, Prävention, Gesundheitsförderung und bedarfsgerechter Weitervermittlung an.

Wissenschaftlicher Hintergrund: Psychische Beschwerden und neuroentwicklungsbedingte Besonderheiten weisen häufig deutliche Symptomüberschneidungen auf, weshalb eine sorgfältige Differentialdiagnostik für die Ableitung geeigneter gesundheitsbezogener Maßnahmen wesentlich ist. So wird etwa bei ADHS ausdrücklich auf Überschneidungen mit anderen psychischen und neuroentwicklungsbezogenen Störungsbildern sowie auf häufige Komorbiditäten hingewiesen (NICE, 2018/2025). Auch bei Autismus-Spektrum-Störungen wird eine umfassende Abklärung empfohlen, die mögliche Differentialdiagnosen, Begleiterkrankungen sowie psychosoziale und funktionelle Aspekte berücksichtigt (NICE, 2012/2021). Eine rein symptombezogene oder auf einzelne Screeningverfahren gestützte Betrachtung reicht daher insbesondere bei komplexen Fällen nicht aus; erforderlich ist die Einbeziehung von Anamnese, Lebenskontext, Fremdinformationen und standardisierten diagnostischen Verfahren. Aus gesundheitspsychologischer Sicht ermöglicht eine solche differenzierte Abklärung, individuelle Belastungs- und Ressourcenprofile besser zu verstehen und darauf aufbauend bedarfsgerechte Empfehlungen für Prävention, Selbstmanagement, Behandlung und weitere Versorgung abzuleiten. Damit kann Diagnostik nicht nur der diagnostischen Einordnung dienen, sondern auch einen Beitrag zu Gesundheitskompetenz, frühzeitiger Unterstützung und langfristiger psychischer Gesundheit leisten

Zielgruppe und Ziele der Maßnahme: Die Maßnahme richtet sich an Jugendliche und Erwachsene mit psychischen Beschwerden, neuroentwicklungsbezogenen Besonderheiten oder kognitiven Veränderungen, die eine fundierte psychologische Abklärung und Orientierung hinsichtlich weiterer Schritte benötigen. Angesprochen werden insbesondere Personen mit Verdacht auf ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen, affektive oder Angststörungen, Belastungsreaktionen sowie andere psychische oder kognitive Beeinträchtigungen. Ein zentrales Ziel besteht darin, individuelle Belastungsfaktoren, Ressourcen und mögliche Überschneidungen verschiedener Störungsbilder differenziert zu erfassen. Die Betroffenen sollen ein besseres Verständnis für ihre eigenen psychischen und gesundheitlichen Zusammenhänge entwickeln und dadurch ihre Gesundheitskompetenz stärken. Auf Basis der Ergebnisse werden konkrete und alltagsnahe Empfehlungen zur Förderung psychischer Gesundheit, zur Prävention weiterer Belastungen und zum Selbstmanagement abgeleitet. Ein weiteres Ziel ist es, geeignete weiterführende Behandlungs-, Beratungs- oder Unterstützungsangebote möglichst bedarfsgerecht auszuwählen und unnötige oder nicht passende Maßnahmen zu vermeiden. Durch die ressourcenorientierte Rückmeldung sollen Selbstwirksamkeit, Eigenverantwortung und der konstruktive Umgang mit bestehenden Belastungen gefördert werden. Langfristig soll die Maßnahme dazu beitragen, psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen, Chronifizierungen möglichst zu vermeiden und die individuelle Lebensqualität sowie gesellschaftliche und berufliche Teilhabe zu unterstützen.

Inhalt/ Methode: Die Maßnahme beginnt mit einer ausführlichen Anamnese, in der aktuelle Beschwerden, deren Entwicklung, relevante Lebensereignisse, bisherige Behandlungen sowie individuelle Belastungs- und Schutzfaktoren erfasst werden. Abhängig von der Fragestellung kommen standardisierte psychologische Testverfahren, Fragebögen, strukturierte Interviews sowie bei Bedarf Fremdbeurteilungen und ergänzende Informationen aus dem sozialen oder medizinischen Umfeld zum Einsatz. Die Auswahl der Verfahren erfolgt hypothesengeleitet und orientiert sich an der jeweiligen Symptomatik sowie an möglichen Differentialdiagnosen und Komorbiditäten. Dabei werden nicht nur Defizite, sondern auch Ressourcen, Bewältigungsstrategien, Alltagsfunktionen und gesundheitsrelevante Verhaltensweisen berücksichtigt. Die erhobenen Befunde werden im Rahmen einer integrativen Gesamtbeurteilung zusammengeführt und in Bezug auf die individuelle Lebenssituation eingeordnet. In einem ausführlichen Rückmeldegespräch werden die Ergebnisse verständlich vermittelt und gemeinsam mit den Betroffenen in konkrete, alltagsnahe Handlungsmöglichkeiten übersetzt. Je nach Bedarf umfassen die Empfehlungen unter anderem Psychoedukation, Stress- und Belastungsmanagement, Förderung von Selbstfürsorge und Selbstmanagement sowie Hinweise auf geeignete psychotherapeutische, medizinische, rehabilitative oder psychosoziale Unterstützungsangebote. Durch die Kombination aus differenzierter Diagnostik, ressourcenorientierter Beratung und gezielter Weitervermittlung soll ein möglichst passgenauer und gesundheitsfördernder weiterer Umgang mit den bestehenden Beschwerden ermöglicht werden.

Webseite: www.kipman.at

Beginn/ Laufzeit/ Abschluss des Projekts: laufend

Bisherige Erfolge/ Meilensteine: Die Maßnahme baut auf langjähriger klinisch- und gesundheitspsychologischer Tätigkeit sowie kontinuierlicher wissenschaftlicher Arbeit auf. Seit 2005 besteht eine selbstständige Tätigkeit als Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin; ergänzt wird diese durch langjährige Tätigkeit in Psychodiagnostik, Hochschullehre und Forschung sowie Zusatzqualifikationen unter anderem in Neuropsychologie, Kinder-, Jugend- und Familienpsychologie und Gerontopsychologie. Die diagnostische Arbeit umfasst unterschiedliche Lebensphasen und Fragestellungen – von Entwicklungs-, Lern- und Verhaltensauffälligkeiten über ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen bis hin zu psychischen Belastungen sowie kognitiven Veränderungen im höheren Lebensalter. Diese Praxiserfahrungen werden laufend wissenschaftlich ausgewertet und in Publikationen, Forschungsprojekten sowie Fachvorträgen aufgegriffen.

Ein aktueller Forschungsschwerpunkt befasst sich mit der Differentialdiagnostik bei Erwachsenen mit Verdacht auf Autismus-Spektrum-Störung. In einer klinischen Stichprobe von 164 Erwachsenen, die zwischen 2022 und 2026 zur ASS-Abklärung vorgestellt wurden, werden unter anderem Persönlichkeitsmerkmale, soziale Kognition und diagnostische Unterschiede zwischen Personen mit bestätigter ASS und jenen, bei denen ASS ausgeschlossen wurde, untersucht. Die Ergebnisse unterstreichen insbesondere, dass zahlreiche Merkmale nicht spezifisch für ASS sind und damit eine breit angelegte Differentialdiagnostik gegenüber einer rein störungsspezifischen Betrachtung wesentlich ist.

Parallel dazu wird in einem aktuellen Forschungsprojekt eine klinische Stichprobe von 126 Erwachsenen mit im Erwachsenenalter diagnostiziertem ADHS untersucht. Dabei werden neben der ADHS-Symptomatik neurokognitive Funktionen, Persönlichkeitsmerkmale, unterschiedliche Erscheinungsformen sowie kompensatorische Strategien berücksichtigt. Die wissenschaftliche Arbeit ergänzt damit die unmittelbare klinische Versorgung und dient der Weiterentwicklung einer individualisierten, ressourcen- und differentialdiagnostisch orientierten Abklärung.

Die gewonnenen Erkenntnisse werden regelmäßig im Rahmen von Fachvorträgen und Fortbildungen weitergegeben, unter anderem zu ADHS über die Lebensspanne, ADHS und Autismus, chronischen Erkrankungen und Schule, Wahrnehmungsstörungen sowie psychologischer Diagnostik im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Bereits publizierte Arbeiten beschäftigen sich unter anderem mit ADHS im Erwachsenenalter, umfassender psychodiagnostischer Demenzdiagnostik, Stress, Burnout, Persönlichkeit und psychischer Gesundheit. Damit ist die Maßnahme nicht als isoliertes Einzelprojekt zu verstehen, sondern als bereits umgesetztes und kontinuierlich weiterentwickeltes Versorgungskonzept, in dem klinische Praxis, Gesundheitspsychologie, Forschung und Wissensvermittlung eng miteinander verbunden werden.

Einreichende Organisation/ Person: DDDr. Ulrike Kipman in Kooperation mit PMU Salzburg, Universität Salzburg, Pädagogische Hochschulen in Österreich, IQS