Österreichische Akademie für Psychologen | ÖAP

Einführung von Psychischer Erster Hilfe für alle Mitarbeiter*innen und Auszubildenden in den Dienststellen des Wiener Gesundheitsverbunds

Beschreibung: Durch eine außergewöhnliche Situation im Berufsalltag können auch bestausgebildete und sehr erfahrene Mitarbeiter*innen traumatisiert werden oder als "Second Victim" in ihren Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten an ihre Grenzen stoßen.
Psychische Erste Hilfe (P.E.H.) ist eine rasche Soforthilfe für Personen, die eine Extremsituation oder ein potenziell traumatisierendes Ereignis direkt erlebt haben oder indirekt davon betroffen sind und der angemessene Umgang mit Betroffenen, die sich durch das Erleben eines kritischen Ereignisses in einer psychischen Notsituation befinden.
Der Aufbau und die Implementierung eines strukturierten und hilfreichen Umgangs mit Mitarbeiter*innen nach einem kritischen Ereignis ist daher für das ganze Unternehmen eine bedarfsorientierte Maßnahme mit der Botschaft: Mitarbeiter*innen werden im Krisenfall nicht allein gelassen!

Problemstellung/ Ausgangslage: Durch eine außergewöhnliche Situation im Berufsalltag können auch bestausgebildete und hoch erfahrene Mitarbeiter*innen traumatisiert werden oder als „Second Victim“ in ihren Handlungs- und Bewältigungsmöglichkeiten an ihre Grenzen stoßen. Das Bewusstsein für einen strukturierten, angemessenen Umgang mit Menschen, die sich nach einem kritischen Ereignis in einem psychischen Ausnahmezustand befinden, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Erkennbar ist dies im Wiener Gesundheitsverbund nicht zuletzt am großen Erfolg unserer Pioniere, des Projekts „KOHI – Kollegiale Hilfe“ in der Klinik Hietzing und an der Nutzung der bisher ausgebildeten Peers in der Klinik Floridsdorf.

Auch die steigende Nachfrage in der Psychologischen Beratungsstelle nach Fortbildungen zu den Themen „Umgang in Krisensituationen“ und „Psychische Erste Hilfe“ sowie nach Beratung zur Bewältigung von kritischen Ereignissen aus dem privaten und beruflichen Bereich zeigen den Bedarf im Unternehmen.

Ein weitgehend einheitliches Vorgehen bei der Unterstützung im Krisenfall an allen Dienststellen des WIGEV ist zielführend und für die Mitarbeiter*innen auch nach einem Dienststellenwechsel sinnvoll. Die Anforderungen an ein einheitliches Vorgehen müssen den notfallpsychologischen Standards entsprechen und vom zeitlichen, finanziellen und personellen Aufwand her praktikabel im betrieblichen Alltag umsetzbar sein.

Die Psychologische Beratungsstelle des WIGEV beschäftigt sich seit dem Jahr 2017 besonders intensiv mit dem Thema "Psychische Krisen am Arbeitsplatz" und hat zu diesem Thema einen Leitfaden erstellt, der Führungskräften und Mitarbeiter*innen den Umgang mit solchen Situationen erleichtern soll. Zusätzlich wurde eine Fortbildung für ebendiese Zielgruppe entwickelt, in der die Inhalte vermittelt und geübt werden.

Zeitgleich wurden in der Klinik Hietzing und in der Klinik Floridsdorf, unabhängig voneinander, Peer/Kollegiale Hilfe Projekte initiiert. An diesen beiden Projekten ist die Psychologische Beratungsstelle von Beginn an in beratender Rolle und als Durchführende der Schulungen beteiligt gewesen. 2022 wurde die Psychologische Beratungsstelle von der Generaldirektorin beauftragt, ein Konzept für Psychische Erste Hilfe zu entwickeln und das Angebot in allen Dienststellen einzuführen.

Wissenschaftlicher Hintergrund: Die internationale Konsensdefinition (ERNST-COST, 2022) für den Begriff „Second Victim“: “Any health care worker, directly or indirectly involved in an unanticipated adverse patient event, unintentional healthcare error, or patient injury and who becomes victimized in the sense that they are also negatively impacted.” ERNST-COST Action CA19113 (2020–2024): Europäisches Forschungsnetzwerk
Die Definition ist nicht nur ein theoretisches Konzept, sondern hat konkrete Auswirkungen auf:

  • Patientensicherheit
  • Qualitätsmanagement
  • Fehlerkultur und Sicherheitskultur
  • Personenzentrierte Versorgung
  • Human Resource Management
  • Organisationsentwicklung
  • und dient als Grundlage für Peer-Support-Programme.

    Peer Support Programme helfen, weil sie schnell und kollegial entlasten, sodass Betroffene nach kritischen Ereignissen nicht allein bleiben. Sie normalisieren emotionale Reaktionen und geben Orientierung, wodurch Schuldgefühle und Stress deutlich reduziert werden. Gleichzeitig erkennen Peers früh Risiken und stärken die Team- und Sicherheitskultur, was sowohl Mitarbeitende als auch Organisationen schützt.

    Zielgruppe und Ziele der Maßnahme:
    Für das gesamte Unternehmen:

  • Vermeidung des „Second Victim“ Phänomens.
  • Der gesetzlichen Fürsorgepflicht der Dienstgeberin nachzukommen.
  • Mitarbeiter*innen im Krisenfall nicht allein zu lassen.
  • Einen strukturierten und hilfreichen Umgang mit Mitarbeiter*innen nach einem
    kritischen Ereignis für das gesamte Unternehmen aufzubauen und zu implementieren.
  • Für die einzelnen Mitarbeiter*innen:

  • Niederschwelligen Zugang zu Unterstützung nach traumatischen Ereignissen zu haben.
  • Die akuten Stressreaktionen (Ängste, Übererregung, Bedrohungs- und Unsicherheitserleben, etc.) bei betroffenen Personen nicht stärker werden zu lassen und möglichst zu vermindern.
  • Orientierung, Sicherheitsgefühl und Stabilität in der Akutsituation zu fördern.
  • Betroffenen Hilfe anzubieten, ihre psychische Stabilität rasch wiederherzustellen und zurück zu Routine und Normalität zu finden.
  • Inhalt/Methode:
    Allgemeine Infophase
    Erste Sensibilisierungsmaßnahmen erfolgten durch die Beteiligung am „Tag der Sicherheit“ und eine Webex-Informationsveranstaltung für alle Kollegialen Führungen der Dienststellen im Juni 2023. Ziel war es, über den Auftrag der Generaldirektorin, P.E.H. in allen Dienststellen zu implementieren, zu informieren, das Konzept vorzustellen und die positiven Effekte eines kollegialen Hilfesystems zu beschreiben.

    Kick-Off Phase
    In 4 Kliniken (Ottakring, Penzing, Favoriten und Landstraße) fanden im Herbst 2023 Kick-Off Meetings statt. Diese Veranstaltungen dienten der internen Information, der Motivation und der ersten Projektvernetzung.

    Einführungsphase
    In dieser zentralen Phase wurden Arbeitsgruppen von 3 bis 6 Mitarbeiter*innen in den Dienststellen eingerichtet und die notwendigen internen organisatorischen Rahmenbedingungen geschaffen. Das Projekt wurde vor Ort aktiv beworben, Psychische Ersthelfer*innen wurden rekrutiert und gezielt geschult.

    Laufendes Monitoring
    Seit Beginn des Prozesses trifft sich einmal pro Quartal eine Steuerungsgruppe, um den Projektverlauf zu überprüfen, Anpassungen vorzunehmen und auf mögliche Schwierigkeiten rasch zu reagieren.

    Durchführungsphase
    Der eigentliche Start der Psychischen Ersten Hilfe erfolgte ab dem Frühjahr 2025 mit dem Rollout in den einzelnen Häusern. Begleitet wurde dieser Schritt durch eine umfassende Informationskampagne (Plakate, Social Media, Intranet), regelmäßige Vernetzungstreffen mit den Psychischen Ersthelfer*innen sowie durch laufende Beratung der lokalen Arbeitsgruppen. Die Vernetzungstreffen dienen der Fortbildung und Intervision der Psychischen Ersthelfer*innen und sollen dazu führen, dass die Kolleg*innen ein Selbstverständnis in ihrer Rolle als P.E.H. entwickeln.


    Beginn/ Laufzeit/ Abschluss des Projekts
    : 2023 - laufend


    Bisherige Erfolge/ Meilensteine:
    Aktuell sind 153 Psychische Ersthelfer*innen, über alle Kliniken verteilt, geschult und im Einsatz. Die Pflegewohnhäuser sind gerade dabei P.E.H. durchgängig zu etablieren. Erste Rückmeldungen und Evaluierungen zeigen eine deutliche Entlastung und Stabilisierung Betroffener. Seit Beginn des Roll-Outs gab es bereits mehrere dokumentierte Einsätze – beispielweise für die Verarbeitung eines Suizides, eines Aggressionsvorfalls in einer Ambulanz sowie einer Bedrohung durch einen Lebensgefährten. Die betroffenen Kolleg*innen haben vor allem die schnelle Verfügbarkeit und den niederschwelligen Zugang positiv wahrgenommen.

    Meilensteine:

  • 153 aktive Psychische Ersthelfer*innen
  • 36 Schulungen für P.E.H. durchgeführt (2024 – 2026)
  • 31 Vernetzungstreffen mit P.E.H. durchgeführt (2024 – 2026)
  • 4 Steuerungsgruppen-Meetings pro Jahr abgehalten seit 2023
  • 3 Plakate und 3 Reels entworfen
  • 5 Kongressteilnahmen (national, international) inkl. Präsentation des Projekts
  • 1 Evaluierung durchgeführt
  • Ausblick:
    Schulungen, Vernetzungstreffen und Steuerungsgruppe finden weiter statt. Es gibt eine ganz enge Kooperation zwischen Psychologischer Beratungsstelle und der Psychischen Ersten Hilfe. Die Psychologinnen der PBS stehen als Supervisorinnen für P.E.H. nach belastenden Einsätzen zur Verfügung und sind ebenso als rasch erreichbare professionelle Unterstützung für Betroffene da (siehe PDF).

    Ziel ist, etwa 60 Psychische Ersthelfer*innen pro Klinik zu haben, die Bekanntheit der P.E.H. weiter zu steigern und so dafür zu sorgen, dass alle Mitarbeiter*innen, die Unterstützung bekommen, die sie benötigen.

    Einreichende Organisation/ Person: Mag. Katharina Butschek, MA/ Wiener Gesundheitsverbund

    Weiterführende/ergänzende Links zur Maßnahme: https://www.instagram.com/reel/Daf7UE1j4Pe/?igsi=b...